Syrien, wie ich es kannte

Ich habe das große Glück Syrien bereits zweimal bereisen zu können, bevor 2011 der Bürgerkrieg ausbrach. Im Sommer 2004 habe ich einen Arabischkurs am Goethe Institut in Damaskus absolviert und lebte währenddessen ein Monat lang bei einer syrischen Familie im christlich geprägten Altstadtviertel Bab Tuma. Im Winter 2009 kehrte ich noch einmal mit meiner Mama als Touristin nach Damaskus und Aleppo zurück.
Da es nun leider aufgrund der politischen Lage auf unabsehbare Zeit nicht mehr möglich sein wird Syrien als Tourist zu bereisen, möchte ich euch hier meine Eindrücke von damals schildern. Es ist unklar, wie es heute in Damaskus und Aleppo aussieht, und ob noch etwas von dem Zauber von damals noch übrig ist.

Damaskus

Eine Legende besagt, dass der Prophet Mohammed sich einst weigerte Damaskus zu betreten, da er von der Schönheit der Oase am Barada Fluss hingerissen war und sie für das Paradies auf Erden hielt, das er zu betreten nicht wagte, da man nur ein einziges Mal ins Paradies gelangen könne.  Auch wenn man Damaskus gegenwärtig nicht mehr als grüne Oase inmitten der Wüste bezeichnen kann, ist diese Beschreibung für mich noch immer nachvollziehbar.

 

Die Altstadt von Damaskus war ein Labyrinth aus kleinen Gässchen und lauschigen Plätzen. Friedlich gingen die Leute dort ihren Geschäften nach, machten Besorgungen, besuchten Verwandte und Nachbarn. Seit jeher war Syrien ein Schmelztiegel verschiedenster Kulturen und Religionen, die friedfertig miteinander lebten. So wohnten auch in Damaskus Muslime und Christen seit Generationen Tür an Tür in gegenseitiger Achtung.

Rund um die berühmte Omaijadenmoschee befindet sich das verzweigte Gassensystem der Suqs. Das arabische Wort Suq bedeutet übersetzt ganz einfach Markt. Oftmals sind die Suqs überdacht um die Kunden vor Hitze und Regen zu schützen. Wie in allen orientalischen Städten, sind die einzelnen Handelsbranchen in unterschiedliche Marktviertel zusammengefasst. Unsereins stellt vielleicht die Sinnhaftigkeit dieser Anordnung in Frage, doch Konkurrenz belebt aus orientalischer Sicht wohl das Geschäft.

 

Im Suq Al Buzuriye beispielsweise reiht sich ein Gewürzgeschäft an das andere. In großen Säcken werden hier orientalische Gewürze, Rosenblüten, Nüsse und Kaffee feilgeboten. Auch Weihrauch, Parfüms, Essenzen und Öle laden zum Kaufen ein.

 

Die Syrer sind bekannt für ihre Vorliebe für Süßigkeiten. Besonders im Fastenmonat Ramadan, aber auch im restlichen Jahr, türmen sich im Suq Berge von süßen Köstlichkeiten. Kandiertes Obst, türkischer Honig, Blätterteiggebäck mit Nüssen und getränkt in Honig und Rosenwasser werden hier angeboten.

 

Im großen überdachten Suq Al Hamidiye befindet sich das berühmte Eisgeschäft Bakdash, in dem es hausgemachtes Eis mit Pistazien und Rosenwasser gibt. Üppige Berge dieser Eisspezialität, die Buza genannt wird, werden hier schon am Eingang zur Schau gestellt um möglichst viele Kunden anzulocken.

 

Brot gilt wie in den meisten arabischen Ländern als Grundnahrungsmittel. Daher findet man an jeder Straßenecke in Damaskus eine Bäckerei, in der wie am Fließband frisches Fladenbrot gebacken wird. Oft sieht man auch Kinder, die große Tabletts mit frisch dampfendem Brot nachhause tragen. Das übriggebliebene Brot vom Vortag wird gerne zu Fattoush verarbeitet, einem Salat aus knackig frittiertem Fladenbrot und frischem Gemüse.

 

Damaskus ist auch bekannt für seine Kaffee- und Teehauskultur. Gleich hinter der Omaijadenmoschee befindet sich eines der bekanntesten Kaffeehäuser der Stadt, das Al Nawfara. Hier konnte man sich vor dem Gedränge und der Hektik der Suqs zurückziehen, genüsslich einen Kaffee oder Tee schlürfen und vielleicht noch eine Wasserpfeife dazu rauchen. Allabendlich fand sich im Café Al Nawfara ein Geschichtenerzähler ein, der Hakawati, der sein Publikum mit lebhaften Schilderungen aus der arabischen Literatur fesselte.

 

Die Syrer lieben gutes Essen und zelebrieren ihre Mahlzeiten im Kreis von Familien und Freuden. In so manch verborgenem Innenhof in Damaskus verstecken sich wunderschöne Restaurants in denen Springbrunnen plätschern und Zitrusbäume und duftende Jasminsträucher gedeihen.

Aleppo

Aleppo ist die größte Stadt Syriens und war vor dem Krieg eine aufstrebende Handelsmetropole. Im alten Kern der Stadt befindet sich der Suq, der als einer der schönsten Märkte im gesamten Orient galt. Wenn man den Suq betrat, tauchte man ein in eine fremde Welt voller orientalischer Gerüche und geschäftigen Treibens. Mithilfe von Eselkarren wurden die Waren durch die Gassen an ihren Bestimmungsort transportiert.

 

In den engen Gassen mit teilweise wunderschönen alten Kuppelgewölben reihte sich Geschäft an Geschäft, auch hier wieder nach Handwerksbereichen getrennt. Verkäufer türmten Warenberge vor ihren Läden auf um die benachbarte Konkurrenz zu übertrumpfen und um potentielle Kunden anzulocken.

 

Besonders bekannt war Aleppo für die Olivenseife, die in der Stadt produziert wurde. Bis zu 6 Tonnen Seife, das entspricht 25.000 Stück, wurden täglich in Aleppo hergestellt. Das mag daran liegen, dass die Körperpflege als eine Grundregel des Islams gilt. Der Besuch des Hamam, des öffentlichen Bades, ist ein wesentliches gesellschaftliches Ereignis. Dass Männer und Frauen dabei strikt getrennt baden, versteht sich von selbst.

 

Buchtipp

Wer mehr über die kulinarische Vielfalt von Damaskus erfahren möchte, dem kann ich das folgende Buch empfehlen.

Damaskus: Der Geschmack einer Stadt – von Rafik Schami & Marie Fadel

Der in Deutschland lebende Schriftsteller und Exilsyrer Rafik Schami stellt zusammen mit seiner Schwester Marie Fadel in diesem Buch seine Heimatstadt Damaskus und ihre kulinarischen Schätze vor. Marie Fadel schilderte ihrem Bruder am Telefon ihre Erlebnisse von Streifzügen und Spaziergängen durch die Altstadt von Damaskus, da es ihm selbst aufgrund der politischen Lage nicht möglich war seine Heimat zu besuchen. Diese Erzählungen über Begegnungen mit Verwandten und Freunden schrieb Rafik Schami nieder, wobei jede Geschichte von einem passenden syrischen Rezept begleitet wird, das zum Nachkochen einlädt.

 

Im Zuge der Flüchtlingskrise 2016 habe ich viele liebe Freunde aus Syrien kennengelernt und in den Gesprächen mit ihnen konnte ich auch meine Erinnerungen an ihre Heimat wieder aufleben lassen.
Ich wünsche meinen Freunden, dass sie eines Tages wieder in ihr Heimatland zurückkehren können. Sie alle würden gerne mithelfen dieses wunderschöne Land wieder aufzubauen, damit man eines Tages wieder unbeschwert durch die Suqs schlendern kann.

Antworten

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Required fields are marked *